2. Juni 2010

Resümee: Immergut Rocken 2010

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Die Vorfreude auf das Immergut Festival war anders als bei vergleichbaren Events. Als ich vor etwa zwei Monaten die Karte kaufte, schien die Sonne und ich konnte es kaum erwarten. Zwei Tage vor Beginn des Festivals war der Himmel grau und ich ziemlich unmotiviert. Zwei Stunden vor Abfahrt kam sie dann aber, die helle Freude auf ein Weiberwochenende mit guter Musik unter freiem Himmel.

Die erste Feststellung, die Laura und ich machten, als wir auf dem Gelände ankamen: Mit Auto ist es viel einfacher! Auch wenn die Bahn, vollgepackt mit Immergutlern, ihren besonderen Flair hatte, drückt die Schlepperei von Zelt, Isomatte, Schlafsack und Gedöns doch ein wenig auf die Stimmung. Aber hey, wir haben es ja geschafft! Ohne männlichen Beistand!
Das Zelt war auch fix aufgebaut, die Picknickdecke nett nebenan drapiert, sodass wir uns mit Ravioli1, Blaubeeren und Wein in die Sonne knallen konnten. Denn sonnig war es zu dem Zeitpunkt sehr wohl, und schwül. Daher war es weniger überraschend, aber dennoch nicht minder enttäuschend, als es auf einmal Bindfäden zu regnen begann. Da waren wir schon auf dem Festivalgelände bestehend aus einer Winzbühne (auch im Vergleich mit Haldern), einer noch kleineren, putzigen Bühne, genannt: Birkenhain, und der Bühne im Zelt, plus diverse Buden und Stände natürlich. Jedenfalls waren wir eher mittelmäßig für den Regenguss gerüstet. Aber zum Glück dauerte der nicht so lange, sodass wir uns schließlich ein bisschen An Horse und Everything Everything anschauen konnten.2

Wunderbar war die Umsetzung des Mottos Alles Indianer. Tatsächlich gab es Kanus, Totempfähle und einen Platz, an dem man sich seinen eigenen Indianerschmuck basteln konnte. Es war wirklich nett, wie viele Leute mit Federn und / oder Stirnbändern herumliefen.

Das Highlight des Abends war dann später: Bonaparte. S – U – P – E – R! Also jeder, der die Gelegenheit hat, sie mal live zu sehen, sollte diese nicht missen. Zugegeben, es ist nicht die Musik allein, aber der sympathische Sänger und seine komplett verrückte Bühnenshow, bei der am Ende alle halbnackt dastehen, war wirklich grandios. Ohne Eisfüße wäre es allerdings noch zehnmal besser gewesen.

Die Eisfüße waren leider der Hauptgrund, wieso wir uns entschlossen, die zweite Nacht vom Zelt ins heimische Bett zu verlegen. Denn die erste Nacht verbrachten wir beide mit Erfrierungsängsten. Der Mai ist eben doch nicht der perfekte Zeltmonat, zumindest nicht in diesem Jahr.

Doch bevor wir früher als geplant die Heimreise antraten, gab es noch einen unheimlich sonnigen, warmen Samstag zu genießen. Die Seen haben wir uns gespart, deshalb kann ich es vielleicht nicht ganz beurteilen, aber: landschafts- und umgebungstechnisch zieht das Immergut im Vergleich mit dem Haldern leider den Kürzeren. Industriegebiet ist eben doch etwas anderes als Alter Reithof.
Dennoch: Samstag ging es wunderbar entspannt zu. Die ganzen Betrunkenen, die mich am Freitag sehr gestört haben, waren entweder noch im Komaschlaf oder wieder ausgenüchtert; der Himmel war blau, blauer geht’s nicht; insgesamt war die Stimmung an diesem Tag so, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Der perfekte Immergut-Moment war ebendieser: Wir saßen in der Nachmittagssonne auf dem Boden am Birkenhain, Norman Palm spielte wunderhübsche Singer-Songwriter-Melodien3 und machte kleine Scherze, der Wind blies einem ab und zu eine leichte Brise ins Gesicht. Besser geht es nun wirklich kaum! So hatte ich mir das Immergut vorgestellt und so war es dann ja (in einigen Momenten) tatsächlich auch.

Auch super war die Lesung von Rocko Schamoni. Ich kannte ihn schon ein wenig, hatte ihn aber noch nie live gesehen. Einfach ein grandios witziger Typ, grundsympathisch und selbstironisch. Das war wirklich herrlich: Eine Stunde lang lachen pur.

Später am Abend gab sich William Fitzsimmons die Ehre. Seinen Auftritt hatte ich letztes Jahr beim Haldern verpasst und freute mich umso mehr darauf. Leider war der Sound – Verzeihung – beschissen. Außerdem muss ich leider sagen, dass seine Lieder doch recht eintönig sind, so schön sie auch sein mögen. Aber trotzdem war auch dies ein toller Moment am Birkenhain. Über uns glitt ein Paraglider am strahlend blauen Himmel entlang und ein paar Leute hörten in einem Baum sitzend dem Konzert zu.

Laura und ich haben uns wirklich nicht viele Bands angeschaut, viel gechillt und sind Samstagabend schon wieder abgereist. Aber es war alles richtig so. Kein Stress, schöne Atmosphäre, nur eine Nacht kurz vorm Erfrieren. Ich denke, ich würde wieder hinfahren, allerdings muss das Line-Up dann richtig bombe sein und konstante Temperaturen über 20°C wären auch von Vorteil. An das Haldern kommt es leider überhaupt nicht heran, was aber auch an der Musikauswahl liegen mag. Ich bin dann eben doch mehr die Indie-Gitarrenpop-Fraktion als Elektropartymensch. Aber ich bereue nichts: Es war ein sehr schönes Wochenende!

  1. Kalt, da kein Gaskocher.[]
  2. Den nächsten, um Einiges krasseren Regenschauer haben wir Omas einfach verschlafen ;) []
  3. U.a. eine wahnsinnig tolle Version von Boys don’t cry[]


18. Mai 2010

Wo ist der Flügel? – Yann Tiersen im Festsaal Kreuzberg

Nachdem er auf der Bühne angekommen war und ich mich etwas gefangen hatte – wann sieht man schon Yann Tiersen etwa zehn Meter entfernt auf eine Bühne treten? -, schoss mir die brennende Frage durch den Kopf: Wo ist bloß der Flügel? Wenigstens ein Klavier muss es doch geben?
Nein, gab es nicht. Einzig ein durch viele Schalter und Kabel weniger wie ein einfaches Tasteninstrument als wie ein Computer wirkendes Keyboard stand am 13. Mai auf der Bühne im Festsaal Kreuzberg. Und statt in die Tasten griff der französische Multi-Instrumentalist in die Saiten seiner E-Gitarre. Es folgten keine zarten, chansonesken Melodien – sondern ausgefranste Rockmusik!

Und dabei blieb es. Rockig, experimentell, harsch, kantig. Gesungen wurde sehr wenig, die meisten Stücke waren instrumental. Dominant war nicht nur die kreischende Gitarre (ich musste mir am Ende tatsächlich die Ohren zuhalten), sondern auch der Bass, das Schlagzeug, die Geige. Die Geige! Das einzige Lied des Abends, das ich (er-)kannte, stammte vom Amélie-Soundtrack und zeigte Yann Tiersen als Wahnsinnsviolinisten – sein Geigenbogen sah nicht umsonst arg mitgenommen aus.1 Es war insgesamt sehr aufbrausend, sehr gewaltig, sehr rau.

Doch ich möchte auf keinen Fall behaupten, dass es ein schlechtes Konzert war, verstehen Sie mich nicht falsch! Das wäre gar nicht möglich. Ein Genie ist er, dieser Yann, ein Meister der Tasten, Saiten, Bögen. Doch habe ich mit etwas vollkommen Anderem gerechnet. Natürlich kannte ich nicht viel aus seinem umfassenden Oeuvre, eigentlich nur das Live-Album Black Session und seine beiden Soundtracks. Und diese Zusammenstellungen sind eben geprägt von dem französischen Chanson, vom Piano, vom Zarten, Zerbrechlichen. Und genau das habe ich auch erwartet. Und eben dies passierte an diesem Abend nicht.

Natürlich beweist jener feurige Auftritt die Vielseitigkeit des Künstlers und dass man ihn nicht in eine Schublade stecken kann. Und dieses Konzept ging auf.

Irgendwann war auch ich von dieser anderen, unerwarteten Art Musik gefesselt, habe getanzt, mitgefiebert, mal glücklich, mal aufgewühlt. Könnte ich dieses Konzert ein zweites Mal erleben, wäre der Eindruck sicher ein ganz anderer. Vor allem wäre er mehr von der Begeisterung angesichts dieses Spektakels als von dem Schreck über das fehlende Klavier geprägt.

Schöne Fotos von dem Konzert zwei Tage zuvor in Hamburg gibt es bei der Roten Raupe und bei flickr.

  1. Das Video ist leider schon älter, aber es kommt der Aufführung des Violinsolos letzten Donnerstag sehr nahe.[]


27. April 2010

Plattentaufe im Babylon – Gisbert zu Knyphausen

Es ist Freitag, der 23. April. Das Babylon in Berlin Mitte ist gut gefüllt, alles macht es sich in den Kinosesseln bequem, alles schaunt gespannt nach vorne, auf die Bühne. Wann kommt er denn endlich? Wann fängt er endlich an zu spielen?
Heute gibt es gleich zwei Gründe zum Feiern: Zum Einen wird Gisbert zu Knyphausen an diesem Tag 31 Jahre alt; zum Anderen befinden wir uns auf der Plattentaufe seines zweiten Albums. Ich habe Gisbert nun schon diverse Male live gesehen und mich die letzten zwei Jahre mit seinem ersten Album über Wasser gehalten. Und nun ist sie endlich da, die zweite, lang versprochene Platte mit dem schönen Namen “Hurra! Hurra! So nicht.”
Und hier, heute, jetzt im Babylon wird der Hamburger Singer-Songwriter sie präsentieren. Begleitet wird das Konzert von Radio Eins , damit alle, die keine der heiß begehrten Karten ergattern konnten, trotzdem an diesem Abend teilhaben können.
Als Gisbert auf die Bühne kommt, ist alles so herrlich vertraut. “Hey!”, sagt er, und stimmt direkt das gleichnamige Lied an. Passt sehr gut als Begrüßung, aber noch mehr freue ich mich über das darauf folgende Stück. Ich bin ein Freund von Klischees und von funkelnden Sternen ist meiner Meinung nach eins der schönsten Lieder des neuen Albums. Wunderbar kitschig, wunderbar echt.

Echt ist auch sein Geständnis, dass er wahnsinnig nervös sei heute Abend – und gerade das macht ihn eben so sympathisch.
Insgesamt ist es sehr schwer, eine Hierarchie in die elf neuen Songs zu bringen. Eigentlich sind sie alle toll, ich kann in alle problemlos hineinsinken. Woher nimmt dieser Mann nur solche Metaphern? Solche Stimmungen? “Sie ist etwas melancholischer geworden”, sagt er irgendwann über die zweite Platte. “Aber keine Sorge, es geht mir sehr gut.” Und das merkt man, das merkt man wirklich. Auch, wie sehr er sich freut, an diesem Abend mit seiner Band auf der Bühne zu stehen.
Auch heute Abend spielt Gisbert wieder seine eigene Interpretation von Wer ich wirklich bin der Band Element of Crime. Er hat das Stück schon öfter gespielt und ich finde diese Version um ein Vielfaches besser als das Original1.
Insgesamt spielt er eine tolle Mischung aus alten und neuen Songs. Besonders gut gefällt mir, dass viele Lieder vom ersten Album neu interpretiert werden. Alles klingt ein wenig leichter, ein bisschen weniger heftig. Schön!
Meine Highlights sind (immer wieder) Kleine Ballade und So seltsam durch die Nacht, und (neuerdings) Morsches Holz, Kräne, Ich bin ein Freund … und Dreh dich nicht um2.

Nachdem Gisbert mit Band von der Bühne verschwunden ist, kommen sie unter tosendem Applaus mit einer Sektflasche und -gläsern wieder zum Vorschein. Jetzt wird das Schi-, äääh, die Platte richtig getauft (wie es sich für einen Hamburger gehört) und ein bisschen Geburtstag gefeiert. Das Publikum singt Gisbert dann auch tatsächlich ein Ständchen, er selbst ist sichtlich gerührt. Ich habe das Gefühl, er will überhaupt nicht von der Bühne herunter, er spielt und spielt. Eine zweite Zugabe gibt es auch noch und mit einem wirklich von Herzen kommendem “Vielen, vielen, vielen, vielen Dank!” und einer tollen Version von Spieglein, Spieglein entlässt Gisbert schließlich das Publikum in die Nacht.

Eine gelungene Konzertkritik gibt es auch beim Tagesspiegel.

  1. Leider hat es der Song nicht auf das Album geschafft, es gibt ihn aber immerhin als iTunes-Download.[]
  2. Hier die TV-Noir-Version, weil die Qualität so toll ist und das Lied ja sowieso.[]


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