Ein Buch, das das Herz berührt
Gestern habe ich Die Bücherdiebin von Markus Zusak zuende gelesen.
Ein Wort. Ein Gefühl. Großartig!
Mir kamen schon auf Seite 30 das erste Mal die Tränen, zwischendurch auch immer wieder, aber die letzten hundert Seiten waren der absolute Wahnsinn. Schluchzend, als ob ich selbst von den Ereignissen auf den letzten Seiten betroffen gewesen wäre, nahm ich Anteil daran. Ich wurde mit hineingezogen in das Geschehen, die Worte waren so überwältigend, die Geschichte so atemberaubend, und die Charaktere waren mir im Laufe des Romans so vertraut geworden.
Die Geschichte lässt sich nicht direkt greifen. Es ist eher die Art, wie sie erzählt wird, die so fesselnd ist. Die Protagonistin ist Liesel, ein kleines Mädchen, das im Alter von neun Jahren zu Pflegeeltern kommt, da ihre leibliche Mutter zu arm ist, um sie ernähren zu können. Das Ganze spielt während des Zweiten Weltkriegs in einer Kleinstadt in der Nähe von München. Nachdem Liesel sich einmal an die neue Umgebung der Himmelstraße gewöhnt hat, schließt sie Freundschaft mit Rudi Steiner, liebt ihren neuen Papa über alles, und hilft ihren Pflegeeltern dabei, einen Juden zu verstecken, den sie ebenso ins Herz schließt wie er sie. Liesels Leidenschaft sind Bücher – oder genauer: das Stehlen von Büchern. Die Geschichte wird von dem zweiten Protagonisten des Romans erzählt: dem Tod höchstpersönlich, der sich als überaus menschlich erweist und dem Liesel ebenfalls das Herz stiehlt.
Diese Geschichte eines Kindes inmitten der Kriegswirren ist so herzzerreißend geschrieben, so naiv und dennoch klug. Die Perspektiven von Liesel und dem Tod vermischen sich ständig und der Lesefluss wird immer wieder durch Einwürfe des Todes unterbrochen, in denen er dem Leser Einblick in sein Wissen gibt, das sich von dem Liesels unterscheidet. Er greift auch zukünftigen Ereignissen vor und fügt hier und da seine Sicht der Dinge ein. Hier nimmt er die Rolle des allwissenden Erzählers an, doch er ist immer noch beschreibend, nicht wertend. Er urteilt nicht, er versteht die Menschen, egal ob sie Hitler treu sind oder sich gegen ihn richten. Am meisten versteht der Tod Liesel Memminger, deren Schicksal im Grunde bloß eines von vielen ist. Der Tod ist kein grausamer Sensenmann, er erledigt seine Aufgabe so sanft wie möglich und sieht sich als Knecht einer höheren Macht. Nicht er ist Schuld daran, dass Menschen sterben, die Menschen selbst verursachten den Krieg, entwickelten Waffen und löschten sich gegenseitig aus.
Das Buch führt dem Leser vor allem die Macht der Worte vor Augen, die einerseits zu Schrecklichem missbraucht werden können, die andererseits aber auch Hoffnung darstellen, Frieden geben können und Geschichten erzählen – sei es die des Juden Max, sei es die der Bücherdiebin oder gar die des Todes.
Man muss dieses Buch langsam und aufmerksam lesen, sich auf die zunächst verwirrenden Perspektiven einlassen, man muss sich jedes Wort auf der Zunge zergehen lassen und so lernen, welche Farben der Himmel haben kann.
Als ich gestern das Buch aus der Hand legte, hatte er die Farbe von milchigem Weiß, das sich mit dem Glänzen von Kinderaugen vermischte.
Bitte lest dieses Buch, es ist ein wahres Meisterwerk.

Heute Mittag habe ich den Roman 