Freitag, 16.12.2011
von VreniDas Grand Hotel van Cleef ist ja eigentlich das Singer-Songwriter-Indie-Pop-Label. Ich sage nur: Kettcar, Tomte, Olli Schulz. Zugegeben, das ist der Stand von 2006, als zum ersten Mal das Fest van Cleef – damals noch unter dem Namen „Simon, die alte Frau van Cleef und ich“ – stattfand. Mittlerweile haben beim Fest van Cleef viele Label-fremde Bands gespielt, z.B. I am Kloot, Kante und Gisbert zu Knyphausen. Alles gute Freunde des Grand Hotels, denn das ist das Aushängeschild: Friede, Freude, Eierkuchen. Das ist jetzt gar nicht so ironisch gemeint, wie es klingt, das ist es ja, was diese Plattenfirmafamilie wirklich sympathisch macht und von anderen Labels abhebt. Aber abheben ist leider nicht immer ganz so gut, wie Herr Uhlmann derzeit eifrig unter Beweis stellt. Aber dazu gleich mehr.
Eigentlich wollte ich ja von dem diesjährigen Fest van Cleef am 11. Dezember erzählen. Und das war tatsächlich wunderschön! Dresden war die letzte Station der Kurz-Tour, der Alte Schlachthof die sehr gut gewählte Location. Es gab zwei Bühnen, eine große und eine kleinere, auf denen die Auftritte der einzelnen Künstler abwechselnd und somit ohne große Unterbrechungen stattfinden konnten. Außerdem verteilten sich die Festival-Besucher in dem recht weitläufigen Gebäude ziemlich gut, sodass es nie zu voll oder zu stickig war.
Meine Helden des Abends waren Element of Crime und Moritz Krämer. Wenig verwunderlich natürlich und doch waren sie an diesem Abend besonders großartig.
Moritz Krämer spielte fast alle meine Lieblingslieder, mit dabei Hinterher, Wir können nix dafür, Mitbewohnerin und Der kleine Spatz. Begleitet wurde er von einem bärtigen Cellisten, der sich auch als Keyboarder gut machte. Minimalistisch, mit Witz und nicht ganz ernst zu nehmendem Trübsinn, verdrehtem Kopf, geschlossenen Augen und seiner unverkennbar stimmbruchhaften Stimme hat Moritz Krämer mich wieder einmal in seinen Bann gezogen. Hach!!!
Element of Crime merkte man die 20 Jahre längere Bühnenerfahrung bereits an, als sie auf die Bühne traten. Routiniert griffen sie zu den Instrumenten, Sven Regener mit Trompete in der Hand und einigen Pfunden mehr auf den Rippen, die Stimme kratziger denn je. Viel gibt es zu dem Auftritt nicht zu sagen, auch Sven Regener hat nicht viel geredet. Sie spielten eben ihre Lieder, die sie schon dutzende Male gespielt hatten, aber sie hatten sichtlich Spaß dabei und gaben wirklich alles. Jedesmal, wenn Sven Regener die Arme nach oben riss und “Romantik!” rief, ging mir das Herz auf. Richtig zufrieden war ich allerdings nicht, als sie von der Bühne gingen, doch das änderte sich zwei Minuten später. Denn dann kamen sie zurück (Sven: “Wir haben ja ein bisschen darauf spekuliert und noch was vorbereitet.”) und spielten das Lied, auf das ich den ganzen Abend gewartet hatte. Jetzt konnte die Welt untergehen, denn Sven hatte für mich Delmenhorst gesungen.
Sehr schön war auch der Auftritt von Maike Rosa Vogel. Zuckersüß, ein paar Akkorde auf der Gitarre und Texte, die unter die Haut gehen. Leider hat die Dame jetzt nicht unbedingt Wiedererkennungspotential, aber es hat gut gepasst.
Genau wie Clickclickdecker, der mit einem Kompagnon zusammen spielte und sang. Leider war das Lied mit den Schiffen nicht dabei, dafür viele, die ich nicht kannte. Hat mich definitiv dazu ermuntert, wieder mehr Clickclickdecker zu hören.
Eröffnet haben das Fest van Cleef übrigens Ghost of Tom Joad. Sehr tanzbare Musik aus Münster-Partytown. Bisher hatte ich sie noch nie live gesehen und habe es bitter bereut. Das war ein spitzen Auftakt! Davon hätte ich gern noch mehr!
Und da wir ja keinen auslassen wollen, schnell noch ein paar Worte zu Frank Turner: Wahnsinnsstimme! Ähnlich wie The Tallest Man on Earth hat er alleine mit Gitarre und Gesang die ganze Bühne ausgefüllt. Wurde ebenfalls auf meiner “Muss-ich-mir-mal-genauer-anhören”-Liste notiert.
Aber es gab ja noch zwei Knaben, die sogar die Headliner waren. Der eine hat mich wahnsinnig geschockt, der andere hat mich zutiefst enttäuscht.
Der Schocker des Abends war Casper. Ich kannte ihn bisher nur aus dem Radio und zwar mit einem seiner wenigen ruhigen Stücke, Michael X. Auch wenn ich schon vorgewarnt war: das, was da auf der Bühne und im Publikum abging, hatte ich nicht erwartet. Die Band kam mit Instrumenten und Wolfsmasken auf die Bühne, kurz darauf Casper, ebenfalls mit Wolfsmaske. Und dann, plötzlich, Scheinwerfer aus den Wolfsmaskenaugen, taghell, übelst gruselig! Junge, ich hatte echt ein bisschen Schiss. Als Casper nach dem ersten Stück (Der Druck steigt) die Maske abnahm, gruselte ich mich aber fast noch mehr. Auf den Promo-Fotos mit Kapuze auf dem Kopf sieht er definitiv harmloser aus. Aber da stand jetzt ein stämmiger Typ mit wahnsinnig breitem Kreuz, seltsamem Hipster-Haarschnitt, Oberlippenschnurri plus Dreitagebart und der krassesten Stimme ever. “Kratzig und evil” würde Rocko Schamoni vielleicht sagen. Und dann ging er ab, der Hip(ster)-Hopper, forderte das Publikum permanent dazu auf, zu springen und die Hände und ihre Mittelfinger in die Höhe zu reißen. Pausenlos lief er beim Rappen auf und ab und warf sich die Haare aus der Stirn. Die Wolfsmaske am Anfang passte wirklich gut. Also, Casper: ein krasser Gangsta-Typ, der aber wirklich keine üble Musik macht. Sobald ich mich von dem Schock erholt habe, werde ich mir mal sein Album zu Gemüte führen und vielleicht entdecke ich ja noch die Rhymes und den Flow dazwischen.
Die Enttäuschung des Abends war, leider, leider, GHvC-Papa Thees Uhlmann. Es hatte sich den ganzen Abend schon angekündigt: Jede Band, die auftrat, dankte Thees ergeben, er wurde von allen bejubelt und in den Himmel gelobt. Bei Casper kam er das erste Mal auf die Bühne, um mit ihm Xoxo zu singen. Da konnte man schon sehen, dass er bereits einige Biere intus hatte, der aufgedunsene Bauch guckte unter dem viel zu kurzen T-Shirt hervor, und er feierte sich und seinen neuen besten Kumpel Casper. Bei seinem eigenen Auftritt erging er sich in ewigen Ansagen, seltsam unlustigen Witzen, und sang seine trotz allem sehr schönen Lieder. Von meinen Mitkonzertebesuchern, die im Oktober bereits das Berlin-Konzert von Thees gesehen hatten, erfuhr ich bei jeder “spontanen” Aktion – zum Beispiel, als er dem Gitarristen den Kopf auf die Schulter legte oder dem Roadie die Gitarre zuwarf -, dass sich alles exakt wiederholte. Dieselben Witze, dieselbe Setlist, derselbe Egotrip. Er war sich auch nicht zu schade, sich immer wieder selbst zu loben, und ließ sich bei New York von Tomte genüsslich besingen. Natürlich hat er viel erreicht, der Thees, er ist unglaublich erfolgreich. Aber langsam hebt er ab. So ist das wohl mit dem Ruhm. Er steigt auch den sympathischsten Leuten irgendwann zu Kopf.
Ich mag seine Lieder nach wie vor, aber live muss ich ihn erstmal nicht mehr sehen. Das war wirklich eine Portion Uhlmann zu viel.
Wo ich sowieso schon am meckern bin: Moritz Krämers Auftritt hat nur eine halbe Stunde gedauert! Da läuft doch was verkehrt!
Das war’s aber auch schon. Ansonsten war es ein wirklich fantastischer Abend. Ich habe lange nicht mehr so viel gute Musik auf einem Haufen gehört und so viele Freunde guter Musik auf einem Haufen gesehen.
Friede, Freude, Eierkuchen und natürlich ROMANTIK!
Natürlich lese ich deinen Blog nach wie vor! Und der Artikel hat mir wirklich gefallen, ich wör auch so gerne hingegangen! Sollen wir nächstes Jahr wieder zum Haldern? Und ich muss unbedingt Moritz Krämer gucken!
PS: Man sieht die Kästchen kaum, in die die Kommentare gehören. Sind da überhaupt unterschiedliche Farbven eingestellt?
Danke für das Feedback und den ersten Kommentar in meinem neuen Blogdesign, Sophiabär :) Das mit den Feldern stimmt wirklich, werde ich zeitnah ändern! Haldern wär schon ziemlich gut, aber vielleicht fahre ich ausgerechnet dann nach Amerika. Andererseits könnten wir uns trotzdem schon ne Karte kaufen. Lass uns da nochmal drüber quatschen :)