Ein Rückblick auf Blumfeld in Erwartung der Rückkehr des Jochen Distelmeyer
Am 25. September erscheint das erste Solo-Album von Jochen Distelmeyer. Auf seiner neuen Homepage kann man in ein Lied schon hereinhören, das da heißt Wohin mit dem Hass. Es läuft bei mir seit drei Tagen quasi auf Dauerschleife und ich bin schon sehr gespannt auf das komplette Album1 und die an die Veröffentlichung anschließende Tour.
Ich nehme dies zum Anlass für einen kleinen persönlichen Rückblick auf das bisherige Schaffen des Jochen D., den man bisher vor allem von der Band Blumfeld kannte, die sich ja leider Mitte des Jahres 2007 aufgelöst hat. Tatsächlich habe ich Blumfeld zunächst nie wirklich wahrgenommen. Beim ersten Kontakt mit ihrer Musik war ich 15 oder 16 und hatte sehr geringe bis gar keine Ahnung von Musik und von eigentlich allem. Aber zum Glück hatte ich zu der Zeit auch einen Chatfreund2, durch den ich Graue Wolken kennenlernte. Ich habe dieses Lied vom ersten Hören an geliebt, auch wenn mir meine Freunde damals unterstellten, ich fände es nur wegen dieses besagten Chatfreundes gut. Aber das stimmte nicht, und ich wage zu behaupten, dass dies einer der ersten Schritte in die richtige Richtung war, also im Bezug auf Musik.
Zu dieser Zeit lief Graue Wolken auf allen Musiksendern und Blumfeld feierten mit ihrem vierten Album Testament der Angst einen Charterfolg.
Die Band selbst hatte ich zu dem Zeitpunkt immer noch nicht wirklich wahrgenommen. Das dauerte noch zwei weitere Jahre, bis sie Wir sind frei3 veröffentlichten. Vielleicht lag es daran, dass in dem Video die Band selbst zu sehen war, oder dass ich langsam anfing, mich für andere Musik als die Bravo Hits u.ä. zu interessieren und schon auf ein paar Konzerten gewesen war.
Dennoch sollten weitere lange vier Jahre vergehen, bis ich Blumfeld endlich live sah: Erst auf ihrer Abschiedstournee 2007 ergriff ich die Gelegenheit. Natürlich ärgere ich mich im Nachhinein sehr, dass ich nicht schon vorher zu ihren Konzerten gegangen bin, denn es gab sicher die eine oder andere Gelegenheit. Aber man kann sich darüber ärgern – oder aber versuchen, das nachzuholen, was man verpasst hat. Erst nach dem Konzert in Krefeld lernte ich die älteren Stücke kennen, erst nach ihrer Auflösung lernte ich den Wert ihrer Musik richtig schätzen. Zu spät, könnte man meinen, doch ich sage, besser spät als nie!
Jochen Distelmeyers Texte empfinde ich als pure Poesie, die Bilder, die er mit Worten erschafft, als so eindringlich. Seine Stimme ist sehr markant und macht die Lieder meiner Meinung nach erst zu dem, was sie sind. Die Inhalte der Lieder haben eine starke Entwicklung durchgemacht: von politisch motivierter Rebellion und der ständigen Opposition von Staat und Individuum4 zu seicht anmutenden, aber dennoch nachdenklichen und tiefgründigen Popsongs über die Liebe und die zwischenmenschlichen Kleinigkeiten des Alltags. Das von vielen als Bruch empfundene dritte Album Old Nobody ist nach wie vor eins meiner Lieblingsalben. Gut möglich, dass ich es nicht so sehr als erschreckend empfand, weil ich die Anfänge von Blumfeld nicht miterlebte und erst durch die poplastigen späteren Songs zu der Band fand. Das finde ich jedoch keineswegs negativ. Immerhin machte dieser Stil die länger andauernde spätere Schaffensphase der Band aus.
Ich finde es nach wie vor spannend, mit die Lieder von Blumfeld anzuhören. Obwohl ich mittlerweile die meisten Lieder in- und auswendig kenne, habe ich oft das Gefühl, sie beim erneuten Hören neu zu entdecken. Auch – oder insbesondere – die gesprochenen “Lieder” (vielmehr: Gedichte) zeigen die Wortgewandheit Distelmeyers und die Kraft, die er seinen Worten so zu verleihen vermag.
Im Grunde hat Jochen Distelmeyer für mich immer Blumfeld verkörpert. Schuld daran waren mit Sicherheit seine dominante Präsenz, die markante Stimme, das charismatische Aussehen. Umso mehr hatte ich gehofft, dass es irgendwie weitergehen würde, und ich wurde nicht enttäuscht. Bis das Album Heavy erscheint, werde ich wahrscheinlich noch gefühlte zehntausendmal das eine Lied hören, das bisher zur Verfügung steht, und immer wieder in der Blumfeld-Kiste kramen. Einen Schatz findet man dort garantiert immer!
Das Bild des Plattencovers stammt von Jochen Distelmeyers Homepage.
- Am 11. September erscheint schon eine Vorab-Single, die das Warten auf das Album etwas erleichtern wird :) [↩]
- Jaja, Teeniezeit usw. Da verabredet man sich schonmal ein Jahr lang mehrmals die Woche zum Chatten … Vergessen wir’s.[↩]
- Die Qualität des Videos, zu dem der Link führt, ist leider nicht die beste …[↩]
- Insbesondere die ersten beiden Alben Ich-Maschine (1992) und L’État et Moi (1994).[↩]

Kommentare
interessante werdegang. so ähnlich wars bei mir auch. zuerst die bravohits gekauft und dann irgendwann einen eigenen musikgeschmack entwickelt. bin ja mal gespannt wie das soloalbum ist. der song wohin mit dem hass hört sich auf jeden fall musikalisch auch schon sehr nach blumfeld an.
Verfasst von: Christoph | 24. Juli 2009, 14:29