Patrick Watson & The Wooden Arms im Luxor
Die Frau am Merchandise-Stand antwortete vor dem Konzert von Patrick Watson auf meine Frage, wie das neue Album so sei, “sehr gut”, etwas experimenteller, man müsste sich womöglich erst daran gewöhnen, aber es sei wirklich gut.
Besser hätte man es nicht ausdrücken können!
Das Konzert begann mit Kunstnebel und einem Song vom neuen Album, bei dem es sich, wenn ich mich nicht täusche, um Fireweed, was auch das erste Lied der Platte ist, handelte. Es waren jedenfalls einige merkwürdige Geräusche darunter, es wurde teilweise sehr laut, aber Melodie und Rhythmus stachen trotz des scheinbaren Durcheinanders von Geräuschen hervor – und rissen mich sofort mit.
Patrick Watson spielte erst an einem Verzerr-Gerät herum1 und begann dann mit dem Singen.
Außer ihm befanden sich auf der Bühne Gitarrist, Schlagzeuger, Bassist und bei einigen Stücken eine Violinistin. Doch wer jetzt meint, es handele sich um eine stinknormale englische Rockband, der hat sich schwer getäuscht. Tatsächlich kam eine ganze Reihe an Instrumenten zum Einsatz, von denen ich bei den meisten nicht einmal gedacht hätte, dass man sie als solche benutzen kann!
Der Schlagzeuger verschwand kein bisschen im Hintergrund, wie dies sonst durchaus schnell der Fall sein kann. Er trommelte außer auf dem herkömmlichen Drumset auf einer Reihe von Töpfen, einem Xylophon und einer Akustikgitarre herum. Dabei machte er die lustigsten Grimassen beim Spielen, die aber wohl von der Konzentration und nicht einer gewollten Komik her rührten ;) Es sah die ganze Zeit aus, als würde er etwas kauen, aber ich glaube, das war nur Luft! :D
Der Gitarrist wechselte seine Gitarre gefühlte fünfzig Mal, spielte zwischendurch auch Banjo und ein noch kleineres, Banjo-ähnliches Instrument, und beeinflusste sein Spiel durch alle möglichen verrückten Sachen. Zum Beispiel blies er einen Luftballon auf, sodass dieser nicht ganz prall gefüllt war, hielt ihn zu und legte ihn auf die Saiten nahe dem Schallloch. Dann befeuchtete er seine Finger und fuhr in kreisenden Bewegungen über den Ballon! Abgefahren, was für tolle Geräusche dabei zum Ausdruck kamen! Dann nahm er den Ballon und ließ die Luft so herausfahren, dass es ein quietschendes Geräusch gab, was durch die Gitarre irgendwie wieder total gut klang. Außerdem benutzte er eine Reihe technischer Geräte, um die Klänge zu verzerren oder zu verstärken.
Der Bassist war noch relativ gesetzt und spielte sein Instrument in eher klassischer Weise.
Patrick Watson selbst spielte nicht nur Flügel – aber wie er ihn spielte! -, sondern z.B. auch auf einem kleinen Klavierabklatsch, der an die reduzierte Ausgabe einer Hammond-Orgel denken ließ. Außerdem veränderte er seine Stimme nicht nur mit einem Megafon; er nahm tatsächlich das Gummiding von einer Saugglocke2 und hielt dies in unterschiedlichen Abständen an die Öffnung des Megafons, während er dort hinein sang. Tatsächlich veränderte sich seine Stimme dadurch um ein Weiteres, aber wie kommt man bitteschön auf so eine abgefahrene Idee?! :D
Doch die interessanteste Instrumente-Kreation sollte erst noch kommen!
Ich wusste ja, dass Patrick Watson bei seinen Auftritten immer ins Publikum geht; ohne Mikro, akustisch und ganz intim. Und tatsächlich stieg er irgendwann während der zweiten Hälfte des Konzerts von der Bühne herunter, kündigte aber vorher noch an, dass sie “es” tatsächlich gebaut hätte.
Dabei handelte es sich ernsthaft um ein Gerät, das aus mehreren Megafonen bestand, die alle irgendwie zusammengehalten wurden und die Patrick nun wie einen Rucksack auf den Rücken geschnallt bekam. Damit stand er dann in der Menge und sang durch die Megafone, während der Schlagzeuger am Bühnenrand eine Säge (!) mit einem Cellobogen bespielte (was wirklich toll klang!) und der Gitarrist mit Akustikgitarre zwischen Bühne und Menschenmenge wechselte. Sie spielten u.a. The Storm und neben der ganzen skurrilen Situation war es einfach wunderschön, denn am Ende des Liedes wird nur noch die Melodie gesummt bzw. ge-”uuuh”t, und an dieser Stelle hat dann das ganze Publikum mitgemacht; das war einfach Gänsehautfeeling pur! :)
Ich habe hier ein Video von dem Auftritt im Amsterdamer Melkweg gefunden, das oben Beschriebenes in etwa wiedergibt. Leider ist noch keins vom Auftritt in Köln online. Dort fand ich die Stimmung noch besser, weil der Konzertsaal einfach kleiner ist.
Ich kann gar nicht mehr genau sagen, welche Lieder gespielt wurden. Die meisten stammten auf jeden Fall von dem neuen Album. Von Close to Paradise wurden etwa vier Lieder gespielt, wenn ich mich nicht irre. Das letzte Lied des Abends war wieder ein absolutes Gänsehaut-Lied, und vielleicht war es sogar nur dem glücklichen Zufall zu verdanken, dass Patrick Watson es gespielt hat, da nach der ersten Zugabe die Tür zum Backstagebereich abgeschlossen war und so für einige Minuten Verwirrung unter den Bandmitgliedern herrschte. Patrick blieb alleine auf der Bühne und antwortet dem begeisterten Klatschen der Menge mit einem letzten Lied, das er allein mit Klavier und Gesang präsentierte. The Great Escape war einfach so wunderschön und ich glaube, in diesem Moment habe ich mich in sein Klavierspiel verliebt. Mensch, war das schön!
Auch dieses Video ist von dem Konzert im Melkweg. Falls demnächst ein gutes von dem Konzert im Luxor online gestellt wird, ersetze ich das hier natürlich :)
Also ich muss sagen, diese Kanadier sind ganz schön verrückte Typen, aber durchweg sympathisch. Sie hatten allesamt so viel Spaß am Musikmachen, der Gitarrist hatte es sich auf Socken gemütlich gemacht, es gingen mehrere Gläser unbeabsichtigt auf der Bühne zu Bruch und Patrick musste zwischendurch immer wieder lachen, was das Ganze nur noch sympathischer machte, da sich einfach niemand allzu ernst zu nehmen schien.
Das zeigte sich auch nach dem Konzert, als er draußen stand und ich ihn fragte, ob er meine CD signieren würde, und er, während wir auf einen Stift warteten3, nach Feuer fragte4, sich, nachdem er jemanden mit Feuerzeug gefunden hatte, genüsslich sein Zigarettchen rauchte und mit einigen Konzertbesuchern plauderte.
Und genau diese Mischung ist es auch, die für mich einen Konzertbesuch so gelungen macht: Wunderbare Musik, lockere und fröhliche Atmosphäre und bodenständige, aber auch etwas durchgeknallte Musiker.
Ich würd mir am liebsten das ganze Konzert noch einmal anschauen! :)
Umso mehr freu ich mich jetzt aufs Haldern! Allein Patrick Watson, im Dunkeln, auf der Hauptbühne. Allein das ist die Reise wert! :)
- Daher die merkwürdigen Geräusche …[↩]
- Für mich heißt das zwar “Klostopfer”, aber Wikipedia hat mich eines Besseren belehrt ;) [↩]
- … den Jojo dann schließlich doch in ihrer Tasche fand (und nun nie wieder abwaschen wird ;) ) … [↩]
- Für genau solche Momente sollte man auch als Nichtraucherin immer ein Feuerzeug in der Tache tragen![↩]
