Hilfe, die Webnerds kommen!
Tatsächlich hatte ich ja immer etwas Angst davor, ein Webnerd zu werden. Webnerds (oder Computerfreaks1 ), das sind diese kleinen bebrillten Leute, die tagaus, tagein in ihrem Keller hocken, die die Power-Taste ihres bis zum Gehtnichtmehr getuneten Laptops quasi nie benutzen, die nur über Miranda oder andere Alternativprogramme zu ICQ oder MSN soziale Kontakte aufrecht erhalten, und natürlich in sämtlichen sozialen Netzwerken von Myspace bis Twitter vertreten sind. Wenn man ihren Namen bei Google eingibt, kann man ihren Lebenslauf lückenlos rekonstruieren. Das Web 2.0, HTML und CSS sind für sie wie die Luft zum Atmen für die Normalos, und ihre geistige Nahrung beziehen sie lediglich aus Internetforen, Google und der Wikipedia.
Nein, zu dieser Art Mensch wollte ich gewiss nicht gehören, und doch: Ich muss mir wirklich eingestehen, dass einige der obigen Beschreibungen tatsächlich auf mich zutreffen. Andere wiederum überhaupt nicht.
Ja, ich habe einen Blog, benutze Twitter, StudiVZ, Facebook und Last.fm exzessiv. Ich überblicke grob die Entwicklungen des Web 2.0, wenn auch ohne allzu großes technisches Know-How, und HTML und CSS sind mir nicht vollkommen fremd. Ich könnte nie ein Template selbst schreiben und weiß auch nicht, was es mit eigenen Servern etc. auf sich hat. Aber ganz so fremd ist mir diese Welt dann ja doch nicht.
Andererseits kann ich guten Gewissens behaupten, dass ich ICQ und Skype nur als zusätzliche Kontakthaltungsmethoden verwende. Ich gehe immer noch oft genug nach draußen und treffe meine Freunde im real life. Ich habe auch noch andere Hobbies und Interessen und sitze gewiss in keinem Kellerloch.
Dennoch, das Internet bedeutet mir mittlerweile eine ganze Menge. Abgesehen von den Vorteilen sozialer Netzwerke im Bezug auf das Halten von Kontakt über größere Distanzen, auch ohne direkten Austausch, bieten Netzwerke wie Twitter die Möglichkeit, einfach und unverbindlich mit Personen, Organisationen und anderen Einrichtungen in Kontakt zu treten. So zum Beispiel auch mit der Lieblingsband, Musikmagazinen, Politikern, Podcasts, Nachrichtenmagazinen, und und und. Die Möglichkeiten sind quasi unerschöpflich. Nicht umsonst hat Obama Twitter für seine Wahlkampagne benutzt. So erreicht man eben auch Menschen, die sonst eventuell gar kein Interesse gezeigt hätten. Tatsächlich bemerke ich immer mehr, wie engagiert und interessiert Blogger und Konsorten am Weltgeschehen sind. Die häufigsten Themen der Blogs, die ich regelmäßig besuche, drehen sich natürlich um Internet und Web 2.0, aber auch mindestens ebenso häufig um Politik und Popkultur. Diese Schlagworte begegnen einem immer wieder, und da ist es wohl das Falscheste zu behaupten, Internetmenschen lebten lediglich hinter ihrem Bildschirm ohne Kontakt zur Außenwelt. Das ist übrigens auch etwas, das mich schwer beeindruckt und die ganze Sache mit so interessant macht! Ebenso beeindruckend finde ich die Kreativität, die Blogger verbindet. Sei es durch das Schreiben an sich, Fotografie oder ein besonders ausgefallenes Design. Dies alles sind Ergebnisse kreativer Prozesse, die nicht zu verachten sind.
Natürlich kann man jetzt wieder mit der Diskussion über Datenschutz und Seelenstriptease im Netz anfangen. Da ist ja auch durchaus etwas Wahres dran. Allerdings denke ich, solange man sich dieser “Gefahr” bewusst ist und nicht denkt, das was man da schreibt, können nur Freundeskreis und Familie lesen, sondern theoretisch die ganze Welt, ist man in der Lage, verantwortungsbewusst mit persönlichen Informationen umzugehen. Selbstverständlich ist mein Blog sehr privat, ebenso manche meiner Twitter-Nachrichten; aber irgendwo hat es eben dann doch Grenzen. Gewisse Dinge, die mich beschäftigen, über die ich mich ärgere oder freue, Details, die ich tatsächlich nicht mit der ganzen Welt teilen möchte, finden auch keine Erwähnung. Manch einer mag sagen, dass ich immer noch viel preisgebe. Mag sein, doch ich finde den Austausch von den verschiedensten Weltansichten zu spannend, um darauf verzichten zu wollen. Genauso gerne wie ich selbst Artikel in meinem Blog veröffentliche, lese ich mir auch welche auf anderen Blogs durch, und es ist tatsächlich bemerkenswert, wie sehr einem der eine oder andere Artikel zu denken gibt.
Informationsmedien wie Zeitung, Radio und Fernsehen haben sicherlich auch ihre Qualitäten, aber in keinem anderen Medium findet so ein reger Gedankenaustausch von den unterschiedlichsten Menschen statt. Ich finde das großartig und habe nicht vor, das in nächster Zeit einzugrenzen, trotz aller Debatten, die Twitter und Co. heraufbeschwören.
Laut Kris bin ich ja tatsächlich ein Webnerd … Und mittlerweile kann ich auch nur noch schwerlich dagegen reden.
Immerhin spiele ich zur Zeit mit dem Gedanken, im April zur pl0gbar in Aachen zu gehen; dorthin, wo die wirklichen Internetfreaks sitzen ;)
- Wobei es hier sicher auch fundamentale Unterschiede gibt. Die werden in dem Wiki-Artikel auch schön zusammengefasst. Also Webnerd ≠ Computerfreak. Hätten wir das geklärt.[↩]
Gestern habe ich 