Gestern wurde ich durch Zufall an meine Brieffreundin, mit der ich mir vier Jahre lang regelmäßig Briefe schrieb, erinnert. Sie lebte in der Slowakei, ich in Deutschland. Wir schrieben auf englisch und deutsch, schickten uns Geschenke und Karten zu Geburtstagen und zu Weihnachten. Jedesmal, wenn ein neuer Brief von ihr im Briefkasten lag, lief ich jubelnd durchs Haus. Ich war damals etwa 14, sie zwei Jahre älter. Glaube ich. Es ist wirklich schade, wie wenig mir von dieser Zeit in Erinnerung geblieben ist. Ich hatte noch andere Brieffreunde, von denen ich nicht einmal mehr die Namen weiß.
Gibt es das heute eigentlich noch? Brieffreundschaften? Ohne E-Mail und SMS? Damals lernten wir uns über Letternet mit der alle drei Monate erscheinenden Zeitschrift Lettermag kennen. Soweit ich weiß, gibt es dieses Magazin nicht mehr, Brieffreunde findet man also höchstens noch über das Internet. Absurd, oder? Kann so etwas in Zeiten von Facebook überhaupt noch funktionieren? Ich kann mir schwer vorstellen, dass sich heute ein Teenager an den Schreibtisch setzt und von Hand mehrere Seiten schreibt, regelmäßig, einmal die Woche etwa. Wirklich schade. Und umso schöner, wenn es so etwas in Ausnahmefällen doch noch gibt.
Der Kontakt zu meiner slowakischen Brieffreundin ist damals irgendwann abgebrochen. Ich weiß gar nicht mehr genau, wieso. Vermutlich haben wir uns weiterentwickelt, sind auf Handy und Computer umgestiegen. Da gab es dann für so eine aussterbende Art der Beziehung keinen Platz mehr. Wir wollten uns immer wieder gegenseitig besuchen, es hat aber nie geklappt. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns ja dort wieder, wo alles aufhörte: im Internet, auf Facebook. Vielleicht ist das dann die Fortsetzung?
Aber ob mit oder ohne Fortsetzung: Ich bin froh, dass ich diese Zeit des intensiven Briefeschreibens noch erleben konnte. Natürlich gab es damals auch schon E-Mails und Chaträume. Aber es gab eben auch noch genug junge Leute, die gerne mit der Hand schrieben und so ganz old-school Freundschaften rund um den Erdball knüpfen konnten. Schön, dass ich noch Teil davon war.
Das Grand Hotel van Cleef ist ja eigentlich das Singer-Songwriter-Indie-Pop-Label. Ich sage nur: Kettcar, Tomte, Olli Schulz. Zugegeben, das ist der Stand von 2006, als zum ersten Mal das Fest van Cleef – damals noch unter dem Namen „Simon, die alte Frau van Cleef und ich“ – stattfand. Mittlerweile haben beim Fest van Cleef viele Label-fremde Bands gespielt, z.B. I am Kloot, Kante und Gisbert zu Knyphausen. Alles gute Freunde des Grand Hotels, denn das ist das Aushängeschild: Friede, Freude, Eierkuchen. Das ist jetzt gar nicht so ironisch gemeint, wie es klingt, das ist es ja, was diese Plattenfirmafamilie wirklich sympathisch macht und von anderen Labels abhebt. Aber abheben ist leider nicht immer ganz so gut, wie Herr Uhlmann derzeit eifrig unter Beweis stellt. Aber dazu gleich mehr.
Eigentlich wollte ich ja von dem diesjährigen Fest van Cleef am 11. Dezember erzählen. Und das war tatsächlich wunderschön! Dresden war die letzte Station der Kurz-Tour, der Alte Schlachthof die sehr gut gewählte Location. Es gab zwei Bühnen, eine große und eine kleinere, auf denen die Auftritte der einzelnen Künstler abwechselnd und somit ohne große Unterbrechungen stattfinden konnten. Außerdem verteilten sich die Festival-Besucher in dem recht weitläufigen Gebäude ziemlich gut, sodass es nie zu voll oder zu stickig war.
Meine Helden des Abends waren Element of Crime und Moritz Krämer. Wenig verwunderlich natürlich und doch waren sie an diesem Abend besonders großartig.
Moritz Krämer spielte fast alle meine Lieblingslieder, mit dabei Hinterher, Wir können nix dafür, Mitbewohnerin und Der kleine Spatz. Begleitet wurde er von einem bärtigen Cellisten, der sich auch als Keyboarder gut machte. Minimalistisch, mit Witz und nicht ganz ernst zu nehmendem Trübsinn, verdrehtem Kopf, geschlossenen Augen und seiner unverkennbar stimmbruchhaften Stimme hat Moritz Krämer mich wieder einmal in seinen Bann gezogen. Hach!!!
Element of Crime merkte man die 20 Jahre längere Bühnenerfahrung bereits an, als sie auf die Bühne traten. Routiniert griffen sie zu den Instrumenten, Sven Regener mit Trompete in der Hand und einigen Pfunden mehr auf den Rippen, die Stimme kratziger denn je. Viel gibt es zu dem Auftritt nicht zu sagen, auch Sven Regener hat nicht viel geredet. Sie spielten eben ihre Lieder, die sie schon dutzende Male gespielt hatten, aber sie hatten sichtlich Spaß dabei und gaben wirklich alles. Jedesmal, wenn Sven Regener die Arme nach oben riss und “Romantik!” rief, ging mir das Herz auf. Richtig zufrieden war ich allerdings nicht, als sie von der Bühne gingen, doch das änderte sich zwei Minuten später. Denn dann kamen sie zurück (Sven: “Wir haben ja ein bisschen darauf spekuliert und noch was vorbereitet.”) und spielten das Lied, auf das ich den ganzen Abend gewartet hatte. Jetzt konnte die Welt untergehen, denn Sven hatte für mich Delmenhorst gesungen.
Sehr schön war auch der Auftritt von Maike Rosa Vogel. Zuckersüß, ein paar Akkorde auf der Gitarre und Texte, die unter die Haut gehen. Leider hat die Dame jetzt nicht unbedingt Wiedererkennungspotential, aber es hat gut gepasst.
Genau wie Clickclickdecker, der mit einem Kompagnon zusammen spielte und sang. Leider war das Lied mit den Schiffen nicht dabei, dafür viele, die ich nicht kannte. Hat mich definitiv dazu ermuntert, wieder mehr Clickclickdecker zu hören.
Eröffnet haben das Fest van Cleef übrigens Ghost of Tom Joad. Sehr tanzbare Musik aus Münster-Partytown. Bisher hatte ich sie noch nie live gesehen und habe es bitter bereut. Das war ein spitzen Auftakt! Davon hätte ich gern noch mehr!
Und da wir ja keinen auslassen wollen, schnell noch ein paar Worte zu Frank Turner: Wahnsinnsstimme! Ähnlich wie The Tallest Man on Earth hat er alleine mit Gitarre und Gesang die ganze Bühne ausgefüllt. Wurde ebenfalls auf meiner “Muss-ich-mir-mal-genauer-anhören”-Liste notiert.
Aber es gab ja noch zwei Knaben, die sogar die Headliner waren. Der eine hat mich wahnsinnig geschockt, der andere hat mich zutiefst enttäuscht.
Der Schocker des Abends war Casper. Ich kannte ihn bisher nur aus dem Radio und zwar mit einem seiner wenigen ruhigen Stücke, Michael X. Auch wenn ich schon vorgewarnt war: das, was da auf der Bühne und im Publikum abging, hatte ich nicht erwartet. Die Band kam mit Instrumenten und Wolfsmasken auf die Bühne, kurz darauf Casper, ebenfalls mit Wolfsmaske. Und dann, plötzlich, Scheinwerfer aus den Wolfsmaskenaugen, taghell, übelst gruselig! Junge, ich hatte echt ein bisschen Schiss. Als Casper nach dem ersten Stück (Der Druck steigt) die Maske abnahm, gruselte ich mich aber fast noch mehr. Auf den Promo-Fotos mit Kapuze auf dem Kopf sieht er definitiv harmloser aus. Aber da stand jetzt ein stämmiger Typ mit wahnsinnig breitem Kreuz, seltsamem Hipster-Haarschnitt, Oberlippenschnurri plus Dreitagebart und der krassesten Stimme ever. “Kratzig und evil” würde Rocko Schamoni vielleicht sagen. Und dann ging er ab, der Hip(ster)-Hopper, forderte das Publikum permanent dazu auf, zu springen und die Hände und ihre Mittelfinger in die Höhe zu reißen. Pausenlos lief er beim Rappen auf und ab und warf sich die Haare aus der Stirn. Die Wolfsmaske am Anfang passte wirklich gut. Also, Casper: ein krasser Gangsta-Typ, der aber wirklich keine üble Musik macht. Sobald ich mich von dem Schock erholt habe, werde ich mir mal sein Album zu Gemüte führen und vielleicht entdecke ich ja noch die Rhymes und den Flow dazwischen.
Die Enttäuschung des Abends war, leider, leider, GHvC-Papa Thees Uhlmann. Es hatte sich den ganzen Abend schon angekündigt: Jede Band, die auftrat, dankte Thees ergeben, er wurde von allen bejubelt und in den Himmel gelobt. Bei Casper kam er das erste Mal auf die Bühne, um mit ihm Xoxo zu singen. Da konnte man schon sehen, dass er bereits einige Biere intus hatte, der aufgedunsene Bauch guckte unter dem viel zu kurzen T-Shirt hervor, und er feierte sich und seinen neuen besten Kumpel Casper. Bei seinem eigenen Auftritt erging er sich in ewigen Ansagen, seltsam unlustigen Witzen, und sang seine trotz allem sehr schönen Lieder. Von meinen Mitkonzertebesuchern, die im Oktober bereits das Berlin-Konzert von Thees gesehen hatten, erfuhr ich bei jeder “spontanen” Aktion – zum Beispiel, als er dem Gitarristen den Kopf auf die Schulter legte oder dem Roadie die Gitarre zuwarf -, dass sich alles exakt wiederholte. Dieselben Witze, dieselbe Setlist, derselbe Egotrip. Er war sich auch nicht zu schade, sich immer wieder selbst zu loben, und ließ sich bei New York von Tomte genüsslich besingen. Natürlich hat er viel erreicht, der Thees, er ist unglaublich erfolgreich. Aber langsam hebt er ab. So ist das wohl mit dem Ruhm. Er steigt auch den sympathischsten Leuten irgendwann zu Kopf.
Ich mag seine Lieder nach wie vor, aber live muss ich ihn erstmal nicht mehr sehen. Das war wirklich eine Portion Uhlmann zu viel.
Wo ich sowieso schon am meckern bin: Moritz Krämers Auftritt hat nur eine halbe Stunde gedauert! Da läuft doch was verkehrt!
Das war’s aber auch schon. Ansonsten war es ein wirklich fantastischer Abend. Ich habe lange nicht mehr so viel gute Musik auf einem Haufen gehört und so viele Freunde guter Musik auf einem Haufen gesehen.
Friede, Freude, Eierkuchen und natürlich ROMANTIK!
Während meines Praktikums im Tulipan Verlag hatte ich im Oktober die Gelegenheit, auf der Frankfurter Buchmesse zusammen mit der Volontärin des Verlags am Wochenende den Stand zu hüten. Himmel, war ich aufgeregt! Es fällt mir immer noch schwer, alle Eindrücke und Ereignisse der Messe gebündelt wiederzugeben. Deshalb folgen jetzt einige Situationen, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.
Als Aussteller bekommt man von dem Gewusel der Menschenmassen in den Messehallen zum Glück nur wenig mit. Außerhalb des Standes habe ich es als vorüberziehenden Menschenstrom wahrgenommen. Wenn sich mehr als zehn Leute gleichzeitig an unserem Stand aufhielten, erinnerte das jedoch stark an WG-Partys, bei denen sich alle Gäste in die Küche drängen.
Der Kollegenrabatt, den man bei anderen Verlagen bekommt, ist eine super Sache! Zum Glück hatte ich nur wenig Bargeld bei mir, sonst wäre ich mit noch mehr Büchern nach Hause gekommen als ohnehin schon.
Der Büchertausch unter Verlagskollegen ist an sich auch eine super Sache. Wenn das Programm des potenziellen Tauschpartners allerdings alles andere als ansprechend ist, kann es sehr unangenehm sein, dies zu kommunizieren.
Eine Mutter liest ihren beiden Kindern aus einem Bilderbuch vor, die Kinder sind ganz ruhig, hängen an ihren Lippen und können sich nicht satt sehen an Karsten Teichs bunten Illustrationen. Idylle pur!
Kinder, die zum Stand rennen und aufgeregt auf die Bücher zeigen, die sie schon kennen.
Immer wieder Leute, die sich nicht mehr einkriegen vor Lachen, besonders bei Büchern, in denen die Figuren ihre Namen oder die Namen ihrer Freunde tragen.
Zwei erwachsene Frauen, die sich laut lachend gegenseitig Zitate aus Rita das Raubschaf und Luis und Amanda vorlesen. Beide verlassen mit hochrotem Kopf, Tränen in den Augen und den Büchern im Gepäck den Stand.
Rückmeldungen von Buchhändlern, die davon berichten, dass manche der Bücher ihre absolute Kassenschlager sind.
Kinder, die besonders höflich und zurückhaltend fragen, “Entschuldigung, darf ich mir bitte einen Luftballon nehmen?”, während sich Erwachsene im gleichen Moment massenweise Papiertüten, Plakate und Luftballons einstecken, ohne einen Ton zu sagen.
Martin Klein, der zum Stand kommt, um ein bisschen zu plauschen. Während sich die Leute nichtsahnend über seine Bücher unterhalten, zeigt er außer einem Grinsen keine Reaktion.
Ach, schön war das, anstrengend, aber schön! Ein Wochenende lang lachende Kinderaugen, begeisterte Eltern, euphorische Buchhändler und ich, die weiß, dass sie alles richtig macht.